TANN ist eine Berliner Marke für Dinge, die ein Leben lang halten sollen.
Johannes Weber hat sie gemeinsam mit Christopher Brettingham-Smith gegründet, mit einer klaren Idee: langlebige Gegenstände für alltägliche Rituale. Vier Produkte gibt es bisher, darunter eine schwere Canvas-Schürze und einen Kamm aus Titan. Beide sind im Neuzustand nur der Anfang. Ihren Charakter bekommen sie erst mit der Zeit, durch Gebrauch, Patina und die Geschichten, die sich an ihnen sammeln.
Lifestyle im üblichen Sinn interessiert TANN wenig. Die Gründer beschäftigt eine andere Frage: Welche Dinge begleiten uns über Jahre, und warum werden manche davon irgendwann ganz selbstverständlich Teil unseres Alltags?
Wir haben Johannes Weber zu Hause besucht und ihn anschließend zu einem Termin im Concept Store Ginger Room begleitet. Unterwegs gab es eine Kaffeepause mit Robin Nissen, Head Chef im Qui. Für ihn hat TANN eine Schürze nach Maß gefertigt.

Später Vormittag. Johannes Weber öffnet im Pyjama und macht erst einmal Kaffee. Der Pyjama ist aus Sea Island Cotton, einer der feinsten Baumwollen der Welt. Umziehen wird er sich erst später, für den Termin.
Bevor wir anfangen, holt er eine Uhr. Sie hat seinem Großvater gehört.
Materiell sei sie nicht besonders wertvoll, sagt er. Der Großvater habe sie unter ziemlich widrigen Umständen bekommen, und deshalb hänge für ihn viel Geschichte daran. Zuverlässig läuft sie nicht. „Sie funktioniert auch nicht immer so, wie man sich das von einer Uhr wünschen würde."
Revisionen hat sie einige hinter sich.Was er dafür bezahlt hat, wird die Uhr nie wieder einbringen. Er legt sie vorsichtig auf den Tisch.
„Ich habe inzwischen wahrscheinlich mehr Geld in Revisionen gesteckt, als sie jemals wert sein wird. Aber genau darum geht es mir auch. Ich möchte, dass sie weiterlebt."
„Ich mag Dinge, denen man ansieht, dass sie ein Leben hatten", sagt er. „Kratzer, Patina, Reparaturen. Für mich macht das einen Gegenstand oft wertvoller als irgendein makelloser Zustand." Und dann, etwas leiser: „Ich mag die Vorstellung, dass etwas nicht mit einer Generation endet, sondern weitergegeben wird."

In der Wohnung steht wenig, das nur zur Dekoration da ist. Ein paar Möbel, die älter sind als er. Was neu angeschafft wurde, wird den Enkeln noch freude bereiten. Bücher, die benutzt aussehen. Es gibt auch einen Schallplattenspieler. Ein Einrichtungskonzept ist klar zu erkennen: Hier wird nichts weggeworfen, was noch funktioniert.

Doch zurück zur Marke TANN. Wie entscheidet man sich eine Brand für "Berliner langlebige Bekleidung" zu gründen? „Ich weiß gar nicht, ob ich irgendwann dachte: Das kann ich jetzt. Ich bin einfach sehr begeisterungsfähig und wahrscheinlich deutlich weniger rational, als manchmal gut für mich ist."
Das ist keine Koketterie. Er kommt im Gespräch mehrmals darauf zurück, immer als Eigenschaft, mit der er arbeiten muss, nie als Verkaufsargument.
„TANN hätte auf dem Papier wahrscheinlich viele Gründe gehabt, nicht zu funktionieren. Und es gab durchaus Menschen, die das auch so gesehen haben. Ich war vielleicht naiv genug, trotzdem stärker am Traum festzuhalten als an den Argumenten dagegen."
Sein Reflex sei machen und dann schauen, was passiert, nicht alles vorher zu Ende denken. „Das ist bestimmt nicht in jeder Lebenslage eine gute Eigenschaft, aber bei TANN war es bisher eine ziemlich wichtige." Für das Gegenteil davon ist Christopher zuständig. „Gut, dass mein Business Partner mich immer wieder einfängt und wir gemeinsam kluge Entscheidungen fällen.
Ernst wurde es mit einer Bestellung.
„Der Moment, in dem wir angefangen haben, Ware nicht mehr in kleinen Mengen, sondern in mehreren hundert Einheiten zu bestellen."
Vorher könne sich eine Marke noch relativ spielerisch anfühlen, sagt er. „Zwanzig T-Shirts bedrucken, ein paar Dinge in der Garage lagern, ausprobieren." Dann werden Vorauszahlungen fällig, es kommen Kartons mit hunderten Produkten, und man muss sich überlegen, wo das alles hin soll.
„Das war schon ein Moment, in dem wir kurz dachten: Okay, jetzt gibt es kein Als-ob mehr."
Gezögert hat er trotzdem nicht. „Ich war von den Produkten und der Idee dahinter überzeugt. Also musste irgendwann auch dieser Schritt kommen."

Auf dem Weg zu Ginger treffen wir Robin Nissen. Nissen ist Head Chef im Qui, TANN hat ihm eine Schürze nach Maß gemacht. Aus dem Hallo wird ein Kaffee.
Ein paar Minuten geht es um Küche, Personal und wer gerade wo arbeitet. Dann um die Schürze. Weber will wissen, wo der Stoff arbeitet, wie die Träger sitzen, was nach einer Weile nervt. Nissen antwortet ausführlich. Die Schürze hängt in einer Küche, sie wird nass, fettig und wieder gewaschen, und sie sieht mittlerweile entsprechend aus. Das war die Absicht.
Bei vier Produkten ersetzt ein solches Gespräch am Straßenrand die Entwicklungsabteilung.
Nissen erzählt noch, wie die Schürze in der Küche angekommen ist, wer sie kommentiert hat und wer sie inzwischen selbst haben will. Weber hört zu und sagt dazu erst mal nichts. Später, auf dem Weiterweg, kommt er noch zweimal darauf zurück.
Bespoke ist in diesem Zusammenhang kein Marketingwort. Eine Schürze, die zwölf Stunden am Tag getragen wird, verzeiht keine ungefähre Länge und keinen Träger, der an der falschen Stelle sitzt. Es ist derselbe Grund, aus dem Köche ihre Messer nicht im Set kaufen.

Auf Kleidung kommt er von selbst, als es um seine Mutter geht. Sie hat ihm einen Anzug genäht, dunkelblaues Leinen, für eine Hochzeit, auf der die Familie zu Gast war. Er war neun oder zehn.
„Ich habe diesen ganzen Prozess geliebt. Nicht nur den fertigen Anzug, sondern dass ich plötzlich mitentscheiden durfte: Wo soll eine Tasche sitzen? Welche Knöpfe nehmen wir? Wie soll das aussehen?" Und weil er offenbar keine Lust hat, sich rückblickend besser zu machen, als er war: „Natürlich habe ich es auch sehr genossen, damit ein bisschen im Mittelpunkt zu stehen."
Im Rückblick sei das eine seiner ersten Erfahrungen damit gewesen, dass Kleidung etwas völlig anderes wird, wenn sie wirklich für eine Person gemacht ist. „Man trägt dann nicht einfach irgendeinen Anzug. Man hat das Gefühl: Das ist meiner."
Den Anzug gibt es nicht mehr. Ob seine Mutter heute noch näht, weiß er nicht genau.

Wir fragen, was an seiner Arbeit von außen langweilig wirken würde.
„Wahrscheinlich, dass wir seit erstaunlich langer Zeit immer wieder über dieselben wenigen Produkte sprechen."
Andere Marken hätten das Sortiment längst massiv erweitert. TANN hat vier Artikel, und Weber nennt diese Begrenzung eine permanente Kreativitätsübung.
„Wie erzählt man dieselbe Schürze zum fünfzigsten Mal, ohne dieselbe Geschichte noch einmal zu erzählen? Wie zeigt man einen Kamm erneut und entdeckt trotzdem einen neuen Zusammenhang?"
„Ich finde diese Einschränkung inzwischen fast befreiend. Sie zwingt einen dazu, genauer hinzuschauen. Nicht ständig etwas Neues zu erfinden, nur damit wieder etwas Neues da ist, sondern herauszufinden, wie viel eigentlich schon in einem einzigen guten Gegenstand steckt."
Wer will, kann darin eine ziemlich harte Prüfung fürs eigene Sortiment sehen. Über ein schlechtes Produkt hat man nach zwei Jahren nichts mehr zu sagen.
Dass Marken dieser Größe trotzdem ständig erweitern, hat weniger mit Kreativität zu tun als mit dem Kalender. Neuheiten füllen Newsletter, Regalmeter und Gespräche mit Händlern. Weber kennt diesen Druck, er beschreibt ihn nur anders: Bei vier Produkten muss der Grund, warum man etwas zeigt, jedes Mal neu gefunden werden.

Im Schrank hängt ein Anzug, den er nicht mehr trägt. Gemacht hat ihn Robert Vogdt, ein Freund, der nicht mehr lebt.
„Ich habe ihn 2015 bei ihm nach meinen damaligen Vorstellungen machen lassen. Die Hose natürlich Hochwasser, alles ziemlich eng, alles etwas zu kurz." Er lacht. „Genau das, was ich damals unbedingt wollte und heute vermutlich komplett anders bestellen würde."
Stilistisch passe der Anzug nicht mehr zu ihm, körperlich vermutlich auch nicht. „Aber jedes Mal, wenn ich ihn im Schrank sehe, denke ich an Robert."
Bittersüß nennt er ihn. Etwas, das er nicht mehr tragen möchte und von dem er sich nie trennen wird.

Verändert hat sich zuletzt sein Verhältnis zu Tailoring, und zwar in einem Punkt, den man bei einem Mann mit eigener Kleidungsmarke nicht als Erstes vermutet.
„Ich habe lange ein bisschen Angst davor gehabt, dass man sofort als konservativer Mann gelesen wird, sobald man regelmäßig Anzüge trägt. Und konservativ bin ich, wenn überhaupt, wahrscheinlich hauptsächlich bei Kleidung."
Inzwischen findet er den Gedanken befreiend. Er kann einen klassischen Anzug tragen, ohne mit seiner Kleidung gleichzeitig seine komplette Haltung zur Welt mitteilen zu müssen. Für den Termin bei Ginger trägt er einen grauen Flanellanzug von ROOKS & ROCKS.
„Ob jemand progressiv denkt oder nicht, sollte sich am Ende ohnehin stärker in Worten und Taten zeigen als an der Breite des Revers."
Das habe ihm erlaubt, Tailoring wieder viel unbefangener zu genießen.
Wie es weitergeht, beschreibt er ohne große Ansage. TANN wächst, „aber in unserem eigenen Tempo. Nicht besonders laut und meistens auch nicht mit diesen großen Momenten, in denen plötzlich alles anders ist. Eher Stück für Stück. Ein neuer Mensch, der unsere Sachen trägt. Ein neuer Ort. Eine Zusammenarbeit. Eine Idee, die langsam konkreter wird."
Dieses organische Wachstum mag er inzwischen sehr, sagt er. Gleichzeitig würden gerade Dinge greifbar, die lange nur Skizzen und Gespräche waren. Bald werde es ein deutlich größeres neues Stück geben. Was es ist, sagt er nicht. Schneller werden will er deswegen auch nicht. „Lieber etwas später und richtig als schnell, nur damit wieder etwas Neues da ist."
Bei Ginger geht es dann um Praktisches. Wie viel Platz vier Produkte in einem Laden bekommen, in dem es um vieles geht. Wo der Kamm liegt, damit ihn jemand in die Hand nimmt. Ob die Schürze hängen oder gefaltet liegen soll.
Weber diskutiert das mit derselben Genauigkeit wie vorhin die Uhr. Es sind Entscheidungen, die kaum jemandem auffallen werden, und er nimmt sich für jede einzelne Zeit.
Wir verabschieden uns an der Tür. Er ist schon wieder im Gespräch.
Into the wild ist eine Reihe von ROOKS & ROCKS. Wir besuchen Menschen an ihren eigenen Orten, hören zu, was sie machen, und schauen, was sie dabei tragen.






















